Alter und Einsamkeit
- mitenandschweiz
- 3. Jan.
- 13 Min. Lesezeit
Alternde Bevölkerung und sich wandelnde gesellschaftliche Struktur
Heutzutage altert die Weltbevölkerung schneller als je zuvor. Fortschritte in der Medizin, der Rückgang ansteckender Krankheiten, die Verlängerung der Lebenserwartung und der allgemeine Anstieg des Wohlstandsniveaus lassen den Anteil älterer Menschen von Jahr zu Jahr wachsen. Heute besteht 9,1 % der Weltbevölkerung aus Menschen im Alter von 65 Jahren und älter; dieser Anteil kündigt für viele Gesellschaften eine neue Phase sowohl in sozialer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht an.
Ein ähnlicher Trend gilt auch für die Schweiz. Im Land machen die 65–79-Jährigen 13,8 % der Bevölkerung aus, während Personen über 85 Jahre 5,8 % darstellen[1] Insgesamt bilden Menschen über 65 Jahre etwa 19,6 % der Schweizer Bevölkerung. Während dieser Anteil darauf hindeutet, dass sich die demografische Struktur der Schweiz in den kommenden Jahren weiter veralten wird, bringt er zugleich neue Verantwortlichkeiten in Bezug auf die Lebensqualität und die soziale Teilhabe älterer Menschen mit sich.
Das Alter ist nicht nur eine Phase biologischer Veränderungen, sondern zugleich ein Prozess, in dem psychologische, soziale und emotionale Wandlungen stattfinden. Mit zunehmendem Alter können funktionelle Einschränkungen, chronische Erkrankungen, emotionale Verluste und die Einengung sozialer Rollen die Abhängigkeit des Einzelnen von seinem Umfeld erhöhen und das Gefühl der Einsamkeit verstärken. Tatsächlich wird in der Fachliteratur häufig betont, dass bei älteren Menschen die Lebenszufriedenheit sinkt und Einsamkeit sowie soziale Isolation zunehmen.
Vor diesem Hintergrund ist Einsamkeit ein Phänomen, das eng mit dem Alter verbunden ist und sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene tiefgreifende Auswirkungen hat. Auch in der Schweiz ist dieses Thema in den letzten Jahren sichtbarer geworden; insbesondere die hohe Einsamkeitsrate bei Menschen über 85 Jahre hat die Bedeutung sozialpolitischer Maßnahmen und freiwilligen Engagements weiter erhöht.
Einsamkeit und soziale Isolation
Zwei der häufigsten Probleme im Alter sind Einsamkeit und soziale Isolation. Obwohl diese Begriffe oft synonym verwendet werden, haben sie tatsächlich unterschiedliche Bedeutungen und voneinander unabhängige Auswirkungen. In einem in OPUS veröffentlichten Artikel[2] wird soziale Isolation als die Schwächung sozialer Bindungen, die Abnahme sozialer Kontakte und der Verlust des Zugehörigkeitsgefühls definiert.
Einsamkeit hingegen ist eine stärker subjektive Erfahrung. Peplau und Perlman (1982)[3] beschreiben Einsamkeit als das „subjektive Unbehagen, das aus der Diskrepanz zwischen den gewünschten sozialen Beziehungen und den tatsächlich bestehenden Beziehungen einer Person entsteht“. Weiss (1973)[4] der die Struktur der Einsamkeit detaillierter untersuchte, stellt fest, dass es zwei Arten von Einsamkeit gibt:
•Soziale Einsamkeit: Ein Mangel an sozialer Einbindung, bei dem sich die Person nicht als Teil einer Gruppe fühlt.
•Emotionale Einsamkeit: Das Fehlen einer engen Bindung, emotionaler Unterstützung oder eines Gefühls von Sicherheit.
Diese Unterscheidung ist von entscheidender Bedeutung, um die emotionalen Bedürfnisse zu verstehen, die im Alter auftreten.
Aus diesem Grund ist Einsamkeit nicht nur ein Zustand, der die psychische Verfassung des Einzelnen betrifft, sondern ein vielschichtiges Konzept, das zugleich die körperliche Gesundheit, die soziale Funktionsfähigkeit und die Lebensqualität beeinflusst. Bei älteren Menschen entsteht Einsamkeit nicht nur durch ein schrumpfendes soziales Umfeld, sondern auch durch das Nicht-Erfülltsein emotionaler Bedürfnisse, Veränderungen der Lebensrollen und das Empfinden von Abhängigkeit.
Daten zur Einsamkeit in der Schweiz
Bei der Betrachtung der allgemeinen Struktur der älteren Bevölkerung in der Schweiz zeigt sich, dass Einsamkeit insbesondere im höheren Alter zu einem ausgeprägten gesellschaftlichen Problem wird. Laut der von Pro Senectute durchgeführten Altersmonitor-Studie[5] nimmt Einsamkeit mit zunehmendem Alter deutlich zu, wobei die besonders gefährdete Gruppe vor allem aus Menschen über 85 Jahren besteht.
Den Daten zufolge:
• 24 % der Personen im Alter von 65–74 Jahren,
• 25 % der Personen im Alter von 75–84 Jahren,
• 37 % der Personen über 85 Jahre leben in Einsamkeit.
Diese Ergebnisse zeigen, dass Einsamkeit in der Altersgruppe über 85 nahezu jede dritte Person betrifft. Zahlenmäßig bedeutet dies, dass in der Schweiz etwa 90.000 Menschen über 85 Jahre alt sind und regelmäßig Einsamkeitsgefühle erleben. Diese Situation macht deutlich, dass die ältesten Bevölkerungsgruppen des Landes sowohl sozial als auch emotional einem erheblichen Risiko ausgesetzt sind.
Das Anwachsen der Einsamkeit im hohen Alter hat verschiedene Ursachen. Menschen dieser Altersgruppe verlieren häufig ihre Ehepartner, enge Verwandte oder Freunde, die sie über viele Jahre begleitet haben; infolgedessen verengen sich ihre sozialen Netzwerke zunehmend. Gesundheitsprobleme, chronische Erkrankungen und Einschränkungen der Mobilität erschweren zudem die Teilnahme an sozialen Beziehungen und erhöhen das Risiko von Einsamkeit weiter.
Darüber hinaus weist Pro Senectute auf einen weiteren wichtigen Aspekt hin:
Hochaltrige, also Menschen über 85 Jahre, sind trotz ihrer hohen Betroffenheit von Einsamkeit zugleich die Gruppe, die am schwersten Zugang zu Unterstützungsangeboten hat. Eine eingeschränkte Mobilität, begrenzter Zugang zu digitalen Hilfsmitteln, Schwierigkeiten in der Kommunikation mit der Außenwelt sowie die Haltung, „anderen nicht zur Last fallen zu wollen“, erschweren es diesen Menschen erheblich, Hilfe anzunehmen.
Aus diesem Grund wird Einsamkeit in der Schweiz nicht nur als ein emotionaler Zustand betrachtet, sondern als ein Bereich gesellschaftlicher Verwundbarkeit, der sich insbesondere in den höheren Altersgruppen der Bevölkerung zunehmend vertieft.
Ursachen der Einsamkeit und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit
Die Wurzeln der Einsamkeit im höheren Alter in der Schweiz entstehen aus dem Zusammenwirken biologischer, psychologischer und sozialer Veränderungen. Mit zunehmendem Alter verkleinert sich das soziale Umfeld, die Funktionsfähigkeit nimmt ab, und die Verbindungen der Menschen zur Außenwelt werden schwächer. Dieser Zustand ist zugleich sowohl Ursache als auch Folge von Einsamkeit.
Einer der wichtigsten Faktoren, die Einsamkeit bei älteren Menschen auslösen, ist der Verlust des nahen Umfelds. Der Tod von Ehepartnern oder von Freunden, die über viele Jahre Teil des Lebens waren, verkleinert das soziale Netzwerk des Einzelnen auf dramatische Weise. Wie Weiss in seiner Unterscheidung zwischen sozialer und emotionaler Einsamkeit festhält, nehmen sowohl das Gefühl, „zu einer Gruppe zu gehören“, als auch das Vorhandensein enger emotionaler Bindungen ab – und wenn beides zusammenkommt, vertieft sich Einsamkeit.
Forschungen zeigen, dass weitere wichtige Faktoren, die Einsamkeit verstärken, chronische Erkrankungen, körperliche Einschränkungen, emotionale Verluste und der Rückgang der Mobilität sind. Edelbrock und Kolleginnen und Kollegen (2001)[6] betonen insbesondere, dass gesundheitliche Probleme, Kommunikationsschwierigkeiten und der Bedarf an einer Betreuungsperson stark mit sozialer Isolation verbunden sind.
Diese Erkenntnis erklärt, warum Menschen ab 85 Jahren in der Schweiz sowohl die Gruppe sind, die am stärksten von Einsamkeit betroffen ist, als auch jene, die am schwierigsten Zugang zu Unterstützungsangeboten hat.
Einsamkeit ist nicht nur ein emotionaler Zustand, sondern ein ernsthafter Risikofaktor für die Gesundheit. Cacioppo (2014)[7] stellt fest, dass Einsamkeit das Stressniveau erhöht, das Immunsystem schwächt und eng mit Depressionen verbunden ist. Shankar und sein Team (2013)[8] zeigten, dass ältere Menschen, die Einsamkeit erleben, innerhalb von vier Jahren einen deutlich stärkeren kognitiven Abbau aufweisen. In den Studien von Holt-Lunstad[9] wird die Wirkung sozialer Beziehungen auf die Gesundheit als ein ebenso starker Einflussfaktor beschrieben wie Rauchen oder Adipositas.
Die Folgen von Einsamkeit sind nicht nur auf individueller Ebene spürbar, sondern auch auf gesellschaftlicher Ebene. Mit zunehmender sozialer Isolation steigt der Bedarf älterer Menschen an Gesundheitsdienstleistungen, die Pflegeanforderungen werden vielfältiger, und die Solidaritätsfähigkeit der Gesellschaft gerät unter Druck. Aus genau diesem Grund wird Einsamkeit in der Schweiz nicht nur als ein psychologischer Zustand, sondern zunehmend als ein gesellschaftliches Verwundbarkeits- und Public-Health-Problem bewertet.
Der Kampf gegen Einsamkeit in der Schweiz: Gesellschaftliche Modelle und die kritische Rolle des Ehrenamts
Die Altenpflegepolitik und die lokalen Gemeinschaftsstrukturen in der Schweiz beruhen seit vielen Jahren auf den Prinzipien der „nachbarschaftlichen Solidarität“ und des „Alterns am vertrauten Ort“. Dieser Ansatz zielt darauf ab, dass ältere Menschen ihr Leben in ihren eigenen Wohnungen, in vertrauter Umgebung und ohne den Abbruch sozialer Bindungen fortführen können.
In diesem Zusammenhang lassen sich die von verschiedenen Kantonen und lokalen Institutionen unterstützten Dienstleistungen in drei Hauptbereiche gliedern:
1) Häusliche Unterstützung und Hilfe im Alltag
Wenn im höheren Alter die Mobilität abnimmt, spielen häusliche Unterstützungsleistungen eine wichtige Rolle dabei, ältere Menschen an das soziale Leben angebunden zu halten. Dienstleistungen wie leichte Hausarbeiten, Essenszubereitung oder Begleitung beim Einkaufen erleichtern nicht nur den Alltag älterer Menschen, sondern schaffen zugleich regelmäßige Gelegenheiten für sozialen Kontakt. Diese Kontakte unterstützen insbesondere das Bedürfnis nach „sozialer Zugehörigkeit“, wie es Weiss in seiner Unterscheidung zwischen emotionaler und sozialer Einsamkeit beschreibt.
2) Gemeinschaftsbasierte Modelle zur Förderung sozialer Teilhabe
Viele Schweizer Gemeinden organisieren Aktivitäten, Kurse, Wandergruppen und Gemeinschaftszentren, die älteren Menschen ermöglichen, innerhalb ihres Wohnviertels aktiv zu bleiben. Diese Programme zielen darauf ab, jene Einsamkeitslücke zu schließen, die im Modell von Peplau und Perlman als „Diskrepanz zwischen gewünschten und bestehenden Beziehungen“ beschrieben wird.
3) Besuchsprogramme und der Erhalt sozialer Kontakte
Für Menschen, deren sozialer Kreis aus physischen oder emotionalen Gründen kleiner geworden ist, sind regelmäßige Besuchsprogramme von großer Bedeutung. Solche Kontakte werden über einfache, aber wirksame Interaktionen wie Gespräche, gemeinsames Spazierengehen oder gemeinsames Lesen organisiert. Studien zeigen, dass die gesundheitsfördernde Wirkung sozialer Beziehungen (Holt-Lunstad und Smith) eine entscheidende Rolle im Kampf gegen Einsamkeit spielt.
Die Stellung des Ehrenamts im System: Der Bedarf steigt, die Beteiligung sinkt
Ein bedeutender Teil der Unterstützungsmodelle für ältere Menschen in der Schweiz basiert auf ehrenamtlichem Engagement. Dies macht den Kampf gegen Einsamkeit nicht nur zu einer Aufgabe öffentlicher Dienstleistungen, sondern zur gemeinsamen Verantwortung der gesamten Gesellschaft.
Mit dem Wandel der demografischen Struktur treten jedoch auch neue Herausforderungen im Bereich des Ehrenamts zutage:
•Jüngere ältere Menschen (65–74 Jahre) neigen aufgrund des Wunsches nach einem aktiveren Lebensstil weniger zu langfristigen ehrenamtlichen Verpflichtungen.
•Das hohe Tempo des modernen Lebens erschwert regelmäßiges ehrenamtliches Engagement.
•Die Verkleinerung des Ehrenamtlichen-Potenzials bringt Kapazitätsprobleme im Kampf gegen Einsamkeit im höheren Alter mit sich.
Demgegenüber ist ehrenamtliches Engagement nicht nur für die Menschen wichtig, die Unterstützung erhalten, sondern auch für die Ehrenamtlichen selbst. Die Ergebnisse der Harvard Medical School[10] zeigen, dass soziale Beziehungen und sinnvolle Kontakte sowohl auf die psychische Gesundheit als auch auf die kognitiven Funktionen eine schützende Wirkung haben.
Daher bietet ehrenamtliches Engagement einen gegenseitig stärkenden Mechanismus, der einerseits die Einsamkeit älterer Menschen verringert und andererseits auch das Einsamkeitsrisiko der Ehrenamtlichen selbst senkt.
Ergebnis und gesellschaftlicher Aufruf: Der Wiederaufbau von Solidarität im alternden Schweiz
Die zunehmende Alterung der Bevölkerung in der Schweiz hat das Problem der Einsamkeit sowohl aus sozialer als auch aus gesundheitssystemischer Perspektive sichtbar gemacht. Forschungen zeigen, dass Einsamkeit nicht nur ein emotionaler Zustand ist, sondern in vielen Bereichen – von Depression über Demenz bis hin zu Bluthochdruck und einer verkürzten Lebenserwartung – ein ernstzunehmender Gesundheitsrisikofaktor darstellt. In den fortgeschrittenen Lebensphasen führen die Verkleinerung des sozialen Umfelds, abnehmende Mobilität, der Verlust von Ehepartnern und Freunden sowie Rollenveränderungen zu Faktoren, die Einsamkeit begünstigen. Mit der Vertiefung dieser Einsamkeit sinkt die Lebensqualität des Einzelnen, und zugleich wird auch die Solidaritätskraft der Gesellschaft geschwächt.
Wie oben bereits erwähnt, ist die Tatsache, dass 37 % der über 85-jährigen Menschen in der Schweiz Einsamkeit erleben und dass sich etwa 90.000 Personen regelmäßig mit dem Gefühl der Einsamkeit auseinandersetzen müssen, eine Situation, die gesellschaftlich nicht ignoriert werden kann. Physische Einschränkungen, Distanz zu digitalen Medien und das Gefühl, „eine Last zu sein“, ziehen diese Menschen in eine stille Isolation hinein.
An diesem Punkt wird der Kampf gegen Einsamkeit nicht mehr nur zur Aufgabe von Institutionen oder bestimmten sozialen Dienstleistungsmodellen, sondern zur gemeinsamen Verantwortung der gesamten Gesellschaft. Jeder Einzelne, jeder Nachbar und jede Nachbarschaftsgemeinschaft kann mit kleinen, aber wirkungsvollen Gesten zu diesem Prozess beitragen: an eine Tür klopfen, grüßen, ein kurzes Gespräch führen … Für viele ältere Menschen, die mit Einsamkeit kämpfen, haben gerade diese kleinen Kontakte eine große Bedeutung.
Genau hier tritt ehrenamtliches Engagement in den Vordergrund. Ehrenamtlich tätig zu sein bedeutet nicht nur, Hilfe zu leisten; es bedeutet zugleich, Beziehungen aufzubauen, Sinn zu stiften und eine unsichtbare Brücke zu den verletzlichsten Mitgliedern der Gesellschaft zu schlagen.
Um Einsamkeit zu verringern, sind nicht immer große Programme, komplexe Projekte oder hohe Budgets erforderlich. Manchmal ist das Einzige, was gebraucht wird, der Wille einer Gemeinschaft, sich gegenseitig wahrzunehmen. Die Stärkung nachbarschaftlicher Beziehungen, das Wachstum lokaler ehrenamtlicher Netzwerke und die Sichtbarmachung älterer Menschen sind die wirksamsten Mittel für den Wiederaufbau sozialer Solidarität in einer alternden Gesellschaft.
Abschließend erinnert uns die alternde Bevölkerungsstruktur der Schweiz an Folgendes:
Solidarität gegen Einsamkeit ist eine bewusste Entscheidung.
Je breiter wir diese Entscheidung mit gesellschaftlichem Willen umsetzen, desto stärker bauen wir eine Gesellschaft auf – sowohl für unsere älteren Menschen als auch für unsere eigene Zukunft.
Alter und Einsamkeit: Eine Wirklichkeit, die in stillen Räumen widerhallt
Es gibt bestimmte Phasen im Leben, in denen die Stille wächst, die Räume größer werden und die Zeit schwerer wird.
Das Alter steht meist für Weisheit, Erfahrung und Erinnerungen; für viele Menschen bedeutet es jedoch zugleich auch die Jahre, in denen Einsamkeit am tiefsten empfunden wird. Mit jedem vergehenden Tag ziehen sich die Stimmen aus den Menschenmengen zurück, Telefone klingeln seltener, Türen bleiben länger geschlossen. Und eines Tages merken wir, dass manche Menschen, obwohl sie sich mitten in der Gesellschaft befinden, unsichtbar geworden sind. Besonders unsere älteren Menschen, die in Pflegeheimen leben, verbringen ihre Tage oft damit, auf den nächsten Besuch zu warten – in einer Zeit, in der Besuche seltener werden, Gespräche abnehmen und die Tage vergehen, indem man auf den nächsten Eintrag im Kalender hofft.
In dieser Einsamkeit kann schon das Klingeln an einer Tür stark genug sein, um eine Welt zu verändern.
Diese Unsichtbarkeit wahrzunehmen bedeutet eigentlich, eine der wichtigsten Türen des Ehrenamts zu öffnen. Denn Einsamkeit ist nicht nur ein Gefühl; sie kann zu einer schweren Last werden, die die Gesundheit, die Lebensenergie und die Hoffnung schwächt. Dabei kann ein Gespräch, ein kurzer Besuch, ein gemeinsam getrunkener Tee manchmal den ganzen Tag – ja sogar die ganze Woche – eines Menschen verändern.
Genau hier beginnt der Wert des Ehrenamts: in der Kraft, dass ein Mensch einen anderen berührt.
Während ich über Alter und Einsamkeit nachdachte, stieß ich in meinen Lektüren auf Geschichten, von denen jede einzelne eine eigene Spur in meinem Herzen hinterließ: Manche machten mich traurig, andere weckten ein tiefes Gefühl von Liebe und Mitgefühl.
Jede einzelne erinnerte daran, dass Einsamkeit manchmal still ist, aber dennoch eine sehr schwere Empfindung sein kann.
Die Geschichte, die ich Ihnen nun erzählen werde, ist ebenfalls eine Erzählung, der ich in diesen Lektüren begegnet bin und die die Spuren realer Erlebnisse trägt. Diese Geschichte zu teilen ist mir wichtig, denn ich glaube daran, dass wir selbst mit einem sehr kleinen Schritt im Leben eines Menschen ein großes Licht entzünden können.
Aus Respekt vor ihrer Aufrichtigkeit und den Gefühlen, die sie trägt, möchte ich diese Geschichte mit Ihnen teilen.
„Als ich hörte, dass jemand gekommen war, wandte sich auch mein Herz der Tür zu“
Das Zimmer von Herrn Kemal im Pflegeheim ist klein, aber makellos sauber. An der Wand hängt ein altes Familienfoto, auf der Kommode liegt ein verblichenes Taschentuch – ein Geschenk seiner Frau von vor vielen Jahren – und durch das Fenster fällt ein sanftes Licht ins Innere …
Die Tage vergingen für ihn meist schwer. Er wachte früh am Morgen auf, summte leise ein altes Volkslied, so leise, dass niemand es hören konnte, und mischte sich dann wieder unter die Stille. Gegen Mittag ging er ein paar Schritte, setzte sich an den Rand seines Sessels und schloss die Augen, um in Tage zurückzukehren, in denen die Stimmen der Vergangenheit niemals verstummten.
Die Einsamkeit war seit Langem wie ein Gast in seinem Zimmer.
Manchmal setzte er sich auf seinen Stuhl, manchmal stellte er sich vor das Fenster, und manchmal sprach sie sogar lauter als seine eigene innere Stimme.
Eines Tages hörte Herr Kemal Schritte im Flur. Dabei waren die Flure um diese Uhrzeit sonst so still, dass selbst das Ticken der Wanduhr schwerfällig zu gehen schien – als wolle es niemanden stören. Um diese Zeit hörte man keine Schritte, Türen bewegten sich nicht; als würde die Welt draußen irgendwo leise schlafen.
Gerade deshalb, als die Schritte näher kamen, regte sich in Herrn Kemals Brust etwas, das er seit Jahren vergessen glaubte …
„Wahrscheinlich nebenan“, murmelte er zuerst. Doch die Schritte hielten an, und es klopfte sanft an seine Tür.
Er blickte zur Tür und hielt einen Moment den Atem an.
„Vielleicht gilt es mir …“, dachte er aufgeregt.
Mit einem schwachen, aufsteigenden Hoffnungsschimmer sagte er mit zitternder Stimme: „Herein.“
Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine junge Freiwillige namens Elif trat ein. In der Hand hielt sie eine kleine Thermoskanne mit Tee; auf dem Gesicht trug sie ein warmes Lächeln.
Elif war eine junge Frau im letzten Semester, mit einem weichen Herzen, die daran glaubte, dass kleine Spuren im Herzen von Menschen die Welt verändern können. Am meisten liebte sie es, das unbemerkte, kleine Lächeln zu sehen, das auf einem Gesicht aufblitzt. Vielleicht klopfte sie deshalb, so oft sie konnte, mit einer kleinen Thermoskanne Tee und einem großen Herzen an Türen.
„Hallo, Herr Kemal, ich bin zu Besuch gekommen“, sagte Elif.
In diesem Moment fühlte Herr Kemal etwas – ein Gefühl, von dem er glaubte, es längst vergessen zu haben. Als würde sich sein Herz aufrichten, als würde er einen Gast empfangen, auf den er seit Jahren wartete …
Langsam richtete er den Stuhl, strich den Kragen seines Jacketts glatt.
„Wenn jemand kommt, möchte man sich ein bisschen zurechtrücken“, sagte er mit einem Lächeln, dem Tränen nahe waren.
Elif setzte sich zu ihm.
„Wie geht es Ihnen heute?“, fragte sie.
Bevor Herr Kemal antwortete, hielt er kurz inne.
„Es ist lange her, dass mir diese Frage gestellt wurde“, sagte er. „Ich hatte auch keinen Grund zu sagen, dass es mir gut geht … bis jetzt.“
Elif spürte ein Zittern in sich.
Herr Kemal nahm ein abgenutztes Notizbuch vom Nachttisch.
„Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, sagte er. „Ich habe dieses Buch niemandem vorgelesen. Darin steckt ein ganzes Leben.“
Als er es öffnete, schien der Duft der Vergangenheit aus den Seiten zu steigen:
Der schöne Frühlingstag, an dem er Frau Şükriye kennenlernte …
Die Freude in der Nacht, als sein Sohn geboren wurde …
Die Sommer, in denen er mit seinem Vater auf dem Feld arbeitete und dabei Lieder sang …
Und über allem lag ein feiner Schmerz: die Stille, die blieb, nachdem Menschen nach und nach gegangen waren …
Beim Lesen zitterte seine Stimme, aber seine Augen leuchteten.
In diesem Augenblick begriff Elif:
Herr Kemal war nicht vom Alter oder von Krankheit müde – er war müde, weil er niemanden hatte, dem er erzählen konnte.
Nach einer Seite hielt er inne und blickte Elif an:
„Mein Kind … Lange hat mich niemand so angehört. Heute zu wissen, dass mich jemand hört … das hat mich wieder spüren lassen, dass ich lebe.“
Auch Elifs Augen wurden feucht.
„Ich bin immer da“, sagte sie. „Ich komme wieder, ich höre wieder zu.“
Herr Kemal senkte den Kopf, seine Hände zitterten, seine Stimme war fast ein Flüstern:
„Weißt du, wie viele Worte ein Mensch hat, den man für einsam hält? Du hast mir heute … mein Recht zu sprechen zurückgegeben.“
Als Elif aufstand, nahm Herr Kemal ihre Hand. In diesem Händedruck lagen Dankbarkeit, Wärme und eine feine Freude, die den Schmerz vieler Jahre leichter machte.
„Heute war für mich wie ein Fest“, sagte er.
„Wenn du wiederkommst … habe ich noch viele Geschichten. Und du sollst auch erzählen. Das beste
Mittel gegen Einsamkeit ist wohl, gegenseitig zu sprechen.“
Als Elif hinausging, drehte sie sich noch einmal um.
Auf Herrn Kemals Gesicht lag ein Ausdruck, den man lange nicht gesehen hatte:
Ein Gesicht, das sich nicht scheut zu lächeln – ein Gesicht, das hoffnungsvoll blickt …
Und manchmal genügt ein kurzer Moment, um das Leben eines Menschen zu berühren …
Vielleicht ist Ihnen beim Lesen jemand eingefallen …
Ein älterer Mensch, den Sie lange nicht angerufen haben; ein einsamer Nachbar in derselben Straße; oder jemand, mit dem Sie einmal gesprochen haben, aber den Sie aus den Augen verloren haben.
Der erste Schritt ist oft leichter, als Sie denken. Manchmal reicht ein einziges: „Hallo, wie geht’s Ihnen?“
Vergessen Sie nicht: An die Tür eines Menschen zu klopfen, öffnet oft ein Fenster in seinem Herzen, das seit Jahren geschlossen war.
Ein kleiner Besuch, ein kurzes Telefonat, ein aufrichtiger Gruß …
Für manche ist es gewöhnlich – für andere ein Wunder, das sie fühlen lässt, dass das Leben neu beginnt.
Darum verschieben Sie den Impuls, der in Ihnen aufkommt, nicht.
Klopfen Sie an. Stellen Sie die Frage. Reichen Sie die Hand.
Manchmal braucht es keine großen Heldentaten, um das Leben eines Menschen zu verändern – nur einen Schritt.




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