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Eine Wirklichkeit, die in stillen Räumen widerhallt

Es gibt bestimmte Phasen im Leben, in denen die Stille wächst, die Räume größer werden und die Zeit schwerer wird.

Das Alter steht meist für Weisheit, Erfahrung und Erinnerungen; für viele Menschen bedeutet es jedoch zugleich auch die Jahre, in denen Einsamkeit am tiefsten empfunden wird. Mit jedem vergehenden Tag ziehen sich die Stimmen aus den Menschenmengen zurück, Telefone klingeln seltener, Türen bleiben länger geschlossen. Und eines Tages merken wir, dass manche Menschen, obwohl sie sich mitten in der Gesellschaft befinden, unsichtbar geworden sind. Besonders unsere älteren Menschen, die in Pflegeheimen leben, verbringen ihre Tage oft damit, auf den nächsten Besuch zu warten – in einer Zeit, in der Besuche seltener werden, Gespräche abnehmen und die Tage vergehen, indem man auf den nächsten Eintrag im Kalender hofft.


In dieser Einsamkeit kann schon das Klingeln an einer Tür stark genug sein, um eine Welt zu verändern.

Diese Unsichtbarkeit wahrzunehmen bedeutet eigentlich, eine der wichtigsten Türen des Ehrenamts zu öffnen. Denn Einsamkeit ist nicht nur ein Gefühl; sie kann zu einer schweren Last werden, die die Gesundheit, die Lebensenergie und die Hoffnung schwächt. Dabei kann ein Gespräch, ein kurzer Besuch, ein gemeinsam getrunkener Tee manchmal den ganzen Tag – ja sogar die ganze Woche – eines Menschen verändern.

Genau hier beginnt der Wert des Ehrenamts: in der Kraft, dass ein Mensch einen anderen berührt.

Während ich über Alter und Einsamkeit nachdachte, stieß ich in meinen Lektüren auf Geschichten, von denen jede einzelne eine eigene Spur in meinem Herzen hinterließ: Manche machten mich traurig, andere weckten ein tiefes Gefühl von Liebe und Mitgefühl.

Jede einzelne erinnerte daran, dass Einsamkeit manchmal still ist, aber dennoch eine sehr schwere Empfindung sein kann.

Die Geschichte, die ich Ihnen nun erzählen werde, ist ebenfalls eine Erzählung, der ich in diesen Lektüren begegnet bin und die die Spuren realer Erlebnisse trägt. Diese Geschichte zu teilen ist mir wichtig, denn ich glaube daran, dass wir selbst mit einem sehr kleinen Schritt im Leben eines Menschen ein großes Licht entzünden können.

Aus Respekt vor ihrer Aufrichtigkeit und den Gefühlen, die sie trägt, möchte ich diese Geschichte mit Ihnen teilen.


„Als ich hörte, dass jemand gekommen war, wandte sich auch mein Herz der Tür zu“

Das Zimmer von Herrn Kemal im Pflegeheim ist klein, aber makellos sauber. An der Wand hängt ein altes Familienfoto, auf der Kommode liegt ein verblichenes Taschentuch – ein Geschenk seiner Frau von vor vielen Jahren – und durch das Fenster fällt ein sanftes Licht ins Innere …

Die Tage vergingen für ihn meist schwer. Er wachte früh am Morgen auf, summte leise ein altes Volkslied, so leise, dass niemand es hören konnte, und mischte sich dann wieder unter die Stille. Gegen Mittag ging er ein paar Schritte, setzte sich an den Rand seines Sessels und schloss die Augen, um in Tage zurückzukehren, in denen die Stimmen der Vergangenheit niemals verstummten.


Die Einsamkeit war seit Langem wie ein Gast in seinem Zimmer.


Manchmal setzte er sich auf seinen Stuhl, manchmal stellte er sich vor das Fenster, und manchmal sprach sie sogar lauter als seine eigene innere Stimme.

Eines Tages hörte Herr Kemal Schritte im Flur. Dabei waren die Flure um diese Uhrzeit sonst so still, dass selbst das Ticken der Wanduhr schwerfällig zu gehen schien – als wolle es niemanden stören. Um diese Zeit hörte man keine Schritte, Türen bewegten sich nicht; als würde die Welt draußen irgendwo leise schlafen.

Gerade deshalb, als die Schritte näher kamen, regte sich in Herrn Kemals Brust etwas, das er seit Jahren vergessen glaubte …

„Wahrscheinlich nebenan“, murmelte er zuerst. Doch die Schritte hielten an, und es klopfte sanft an seine Tür.

Er blickte zur Tür und hielt einen Moment den Atem an.

„Vielleicht gilt es mir …“, dachte er aufgeregt.

Mit einem schwachen, aufsteigenden Hoffnungsschimmer sagte er mit zitternder Stimme: „Herein.“

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Eine junge Freiwillige namens Elif trat ein. In der Hand hielt sie eine kleine Thermoskanne mit Tee; auf dem Gesicht trug sie ein warmes Lächeln.

Elif war eine junge Frau im letzten Semester, mit einem weichen Herzen, die daran glaubte, dass kleine Spuren im Herzen von Menschen die Welt verändern können. Am meisten liebte sie es, das unbemerkte, kleine Lächeln zu sehen, das auf einem Gesicht aufblitzt. Vielleicht klopfte sie deshalb, so oft sie konnte, mit einer kleinen Thermoskanne Tee und einem großen Herzen an Türen.

„Hallo, Herr Kemal, ich bin zu Besuch gekommen“, sagte Elif.

In diesem Moment fühlte Herr Kemal etwas – ein Gefühl, von dem er glaubte, es längst vergessen zu haben. Als würde sich sein Herz aufrichten, als würde er einen Gast empfangen, auf den er seit Jahren wartete …

Langsam richtete er den Stuhl, strich den Kragen seines Jacketts glatt.

„Wenn jemand kommt, möchte man sich ein bisschen zurechtrücken“, sagte er mit einem Lächeln, dem Tränen nahe waren.

Elif setzte sich zu ihm.

„Wie geht es Ihnen heute?“, fragte sie.

Bevor Herr Kemal antwortete, hielt er kurz inne.

„Es ist lange her, dass mir diese Frage gestellt wurde“, sagte er. „Ich hatte auch keinen Grund zu sagen, dass es mir gut geht … bis jetzt.“

Elif spürte ein Zittern in sich.

Herr Kemal nahm ein abgenutztes Notizbuch vom Nachttisch.

„Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, sagte er. „Ich habe dieses Buch niemandem vorgelesen. Darin steckt ein ganzes Leben.“

Als er es öffnete, schien der Duft der Vergangenheit aus den Seiten zu steigen:

Der schöne Frühlingstag, an dem er Frau Şükriye kennenlernte …

Die Freude in der Nacht, als sein Sohn geboren wurde …

Die Sommer, in denen er mit seinem Vater auf dem Feld arbeitete und dabei Lieder sang …

Und über allem lag ein feiner Schmerz: die Stille, die blieb, nachdem Menschen nach und nach gegangen waren …

Beim Lesen zitterte seine Stimme, aber seine Augen leuchteten.

In diesem Augenblick begriff Elif:

Herr Kemal war nicht vom Alter oder von Krankheit müde – er war müde, weil er niemanden hatte, dem er erzählen konnte.

Nach einer Seite hielt er inne und blickte Elif an:

„Mein Kind … Lange hat mich niemand so angehört. Heute zu wissen, dass mich jemand hört … das hat mich wieder spüren lassen, dass ich lebe.“

Auch Elifs Augen wurden feucht.

„Ich bin immer da“, sagte sie. „Ich komme wieder, ich höre wieder zu.“

Herr Kemal senkte den Kopf, seine Hände zitterten, seine Stimme war fast ein Flüstern:

„Weißt du, wie viele Worte ein Mensch hat, den man für einsam hält? Du hast mir heute … mein Recht zu sprechen zurückgegeben.“

Als Elif aufstand, nahm Herr Kemal ihre Hand. In diesem Händedruck lagen Dankbarkeit, Wärme und eine feine Freude, die den Schmerz vieler Jahre leichter machte.

„Heute war für mich wie ein Fest“, sagte er.

„Wenn du wiederkommst … habe ich noch viele Geschichten. Und du sollst auch erzählen. Das beste

Mittel gegen Einsamkeit ist wohl, gegenseitig zu sprechen.“

Als Elif hinausging, drehte sie sich noch einmal um.

Auf Herrn Kemals Gesicht lag ein Ausdruck, den man lange nicht gesehen hatte:

Ein Gesicht, das sich nicht scheut zu lächeln – ein Gesicht, das hoffnungsvoll blickt …

Und manchmal genügt ein kurzer Moment, um das Leben eines Menschen zu berühren …

Vielleicht ist Ihnen beim Lesen jemand eingefallen …

Ein älterer Mensch, den Sie lange nicht angerufen haben; ein einsamer Nachbar in derselben Straße; oder jemand, mit dem Sie einmal gesprochen haben, aber den Sie aus den Augen verloren haben.

Der erste Schritt ist oft leichter, als Sie denken. Manchmal reicht ein einziges: „Hallo, wie geht’s Ihnen?“

Vergessen Sie nicht: An die Tür eines Menschen zu klopfen, öffnet oft ein Fenster in seinem Herzen, das seit Jahren geschlossen war.

Ein kleiner Besuch, ein kurzes Telefonat, ein aufrichtiger Gruß …

Für manche ist es gewöhnlich – für andere ein Wunder, das sie fühlen lässt, dass das Leben neu beginnt.

Darum verschieben Sie den Impuls, der in Ihnen aufkommt, nicht.

Klopfen Sie an. Stellen Sie die Frage. Reichen Sie die Hand.

Manchmal braucht es keine großen Heldentaten, um das Leben eines Menschen zu verändern – nur einen Schritt.

 
 
 

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